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Gottlieb Binder - der Holzgerlinger Seemann

Holzgerlinger Geschichten

Wer ihn noch gekannt hat, der erinnert sich gerne an ihn, den "Wendele's Gottlieb" aus der Klemmert, seines Zeichens Seefahrer und Weltenbummler mit Geburtsort Holzgerlingen.

Er war immer gut gelaunt und jederzeit gerne bereit, Geschichten aus seinem langen und bewegten Leben zu erzählen. Dabei sprach er ein besonderes "schwäbo-hochdeutsch", das er sich im hohen Norden und auf See angeeignet und nie wieder abgelegt hatte. Sein großflächig tatowierter Oberkörper war damals in Holzgerlingen eine echte Sensation!

Geboren am 4. November 1888 im elterlichen Häusle in der unteren Klemmert wollte Gottlieb Binder eigentlich Zimmermann werden - leider war aber keine Lehrstelle aufzutreiben. So machte er sich 1906 zu Fuß auf nach Hamburg, denn für ihn stand fest, er wollte Seefahrer werden. Unterwegs schloss er sich verschiedenen Tippelbrüdern an und erreichte nach zwei Monaten endlich die ersehnte Hafenstadt.

Mit einer gefälschten Einwilligung der Eltern - er war ja erst 17 Jahre alt - heuerte er zuerst einmal für vier Monate auf einem Fischkutter an und erlernte dabei die ersten Grundkenntnisse. Dann musterte der Jung-Seemann mutig auf einer Dreimast-Bark an, einem Segelschiff von 4000 BRT und einer Länge von 60 Metern. Die eineinhalbjährige Reise ging gleich nach Südamerika, wo verschiedene Häfen angelaufen wurden. Vom Leben auf hoher See, von 45 m hohen Masten und der bis zu 100 Taue an Bord konnte Gottlieb Binder aus dem Effeff erzählen, auch von der kargen Ernährung mit Hartbrot, Stockfisch und Salzfleisch. Aber das sei ja alles sehr gesund gewesen - in seinem Leben war er nur dreimal beim Zahnarzt.

Von 1908 bis 1911 hat der Holzgerlinger dann bei der 2. Matrosendivision gedient. Der Kriegsausbruch 1914 überraschte ihn vor Chiles Küsten. Über Buenos Aires dampfte er auf einem englischen Schiff gen Europa und wechselte dann den "Pott", der aber dann doch noch vor Spaniens Küste gekapert wurde. Interniert war Gottlieb Binder auf Barbados/Westindien, kam später aber auf eine französische Insel vor der Bretagne. 1919 heuerte er dann wieder auf einem Fischdampfer an und blieb zwei Jahre dabei.

Eigentlich wollte der Holzgerlinger die Kapitäns-Laufbahn einschlagen, aber es fehlte das Geld für das siebensemestrige Studium, wie er bedauernd erzählte. So kehrte er 1921 wieder zurück ins Binnenland in seine schwäbische Heimat. Bis zu seiner Pensionierung 1953 war er dann als Heizer in verschiedenen Betrieben, zuletzt bei der Fernheizung im "Fliegerhorst", wie er selbst sagte.

Im Alter von 74 Jahren packte den Ex-Seemann Gottlieb Binder noch einmal das große Fernweh. Er wollte jetzt die Länder und Städte besuchen, die er als Seemann nur vom Schiff aus gesehen hatte. Er eröffnete seine Seereisen-Serie an die Gestade und in die Länder des Vorderen Orients. In den folgenden Jahren besuchte er das "Land der Bibel", Westindien, West- und Nordafrika, die Kanarischen und die Kapverdischen Inseln und Südamerika.

Dann ging es hoch zur Eisgrenze, Murmansk, Halbinsel Kola, von den zahlreichen Nordland-Reisen ganz zu schweigen. Am allerbesten - so sagte er einmal in einem Presseinterview - habe es ihm in Kalifornien gefallen In Australien, Indien, Singapur oder Südamerika sei es ihm eigentlich zu heiß gewesen.

Gottlieb Binder blieb sein Leben lang unverheiratet und lebte viele Jahre mit seiner Schwester Luise im elterlichen Haus in der Klemmert. Schon als Seemann hatte er beschlossen, lieber ledig zu bleiben, als eine Frau monatelang zu Hause auf einen Seefahrer warten zu lassen.

Seinen Ruhestand im Jahr 1953 hatte der "Wendeles Gottlieb" eher als Unruhestand betrachtet. Er nahm bereitwillig alle möglichen Arbeiten an. und man konnte ihn einfach überall gebrauchen, am meisten in der Bandweberei Binder und zwar vor allem dann, wenn ein Eisenbahn-Waggon mit ca. 40 Tonnen Kohle auf dem Bahnhof eingetroffen war. Dieser musste so schnell als möglich ausgeladen werden - jetzt war Gottlieb Binder gefragt. Mit Feuereifer schippte er die schwarze Ladung auf die Pferdefuhrwerke, die die Kohle dann in die damals noch mit Dampf betriebene Bandfabrik kutschierten. Erst Anfang der Siebzigerjahre wurde die Kohle dann in Containern geliefert.

Dem Holzgerlinger Seemann sah man auch mit 90 Jahren sein Alter nicht an, wenn auch sein Gehör nicht mehr so mittat und ihn manchmal das auf "hoher See" erworbene Rheuma plagte. Er freute sich sehr, als der Musikverein ihm zum Neunziger überraschend ein Ständchen brachte.

Der Gottlieb legte Wert auf eine einfache gesunde Lebensweise, war sparsam und eigentlich nie krank. Seinen Gesundheitstipp gegen Erkältung und Grippe verriet er gerne: täglich morgens nüchtern ein Schnäpsle trinken! Und wenn es ihm mal nicht so gut ging, durfte es auch ein Schnaps sein. Sein Viertele trank er aus Prinzip nur nach getaner Arbeit, wenn er nichts "geschafft" hatte, trank er auch nichts.

Gottlieb Binder lebte nach seiner eigenen Philosophie und stand politisch ziemlich links - ohne groß darüber zu reden . Als der "eiserne Vorhang" gefallen war, reiste er als einer der ersten deutschen Touristen nach Moskau. Außerdem fuhr er regelmäßig einmal im Jahr nach Kiel, um sich mit seinen Kameraden - inzwischen alte Seebären - zu treffen. Ein Relikt aus vergangener Zeit war auch sein Kautabak und während er spannende Geschichten aus seinem Leben erzählte, verbreitete er gerne aus seiner Pfeife - gestopft mit "Portorico" oder "Schwarzer Krauser" - einen Hauch von Fernweh. Dabei fiel er sogar manchmal von seinem Hochdeutsch ins Schwäbische zurück. Ein Zitat: ". und da lagen wir vor Casablanca und da haben wir die großen Kriegsschiffe gesehen - heidablitz send dees Denger gwea!" Auch auf allen Ausflügen des Gesangvereins "Frohsinn", dessen förderndes Mitglied er war, machten seine Seemannsgeschichten die Runde.

Im hohen Alter von 96 Jahren war der Gottlieb nicht davon abzubringen, nochmals eine größere Reise zu unternehmen und war mit einer Reisegesellschaft nach China gestartet. Dort wurde er in Tsiangtau - 600 km entfernt von Peking - plötzlich krank. In einer Klinik hat man eine Herzmuskel- und Lungenentzündung diagnostiziert und er musste deshalb vorzeitig nach Hause fliegen. Das sei aber eigentlich nicht nötig gewesen, meinte der Gottlieb nach seiner Rückkehr, er fühle sich schon wieder topfit!

Im Holzgerlinger Nachrichtenblatt stand am 12. November 1986 zu lesen: "Gottlieb Binder, kurz "Seefahrer" genannt und ältester Einwohner der Gemeinde Holzgerlingen, konnte seinen 98. Geburtstag begehen".

Noch im gleichen Jahr, am 30. Dezember 1986 verstarb der allseits beliebte Holzgerlinger in seinem Heimatort. Wer ihn kannte, wird ihn nicht so schnell vergessen - das interessant bemalte Seemannskreuz auf seinem Grab ist leider nicht mehr vorhanden, aber eine Steinplatte auf seinem Urnengrab erinnert heute noch an Gottlieb Binder, den berühmten Holzgerlinger Seemann.

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Autor:
Helga Zaiser
Mörikestraße 26
71088 Holzgerlingen
Telefon 07031/609349
E-Mail: email[at]omahelga.de


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