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Die Franzosen besetzen Holzgerlingen

Holzgerlinger Geschichten

Alle Hoffnung auf Hitlers versprochene Wunderwaffe war vergebens gewesen - am 20. April 1945 rückten die Panzer der alliierten Streitkräfte in Holzgerlingen ein.

Eine geplante "Verteidigung des Dorfes" durch den Volkssturm hatte gottlob nicht mehr stattgefunden. Hier nun die Fortsetzung des Berichts der 22-jährigen Holzgerlingerin:

"Als die feindlichen Panzer einrückten, mussten auf Befehl alle Radio-Apparate ins Rathaus abgeliefert werden. Die Franzosen fuhren ein paar Mal das Dorf auf und ab und schossen aus Übermut auf die Dachfenster verschiedener Häuser. Eine große Unsicherheit breitete sich bei uns aus.

Aber was war das alles gegen die Vorkommnisse am nächsten Tag! Gegen Abend kam eine ganze Kompanie Marokkaner ins Dorf. Schon allein der Anblick der Farbigen verschlug uns die Sprache - wir jungen Leute waren ja noch nie im Ausland gewesen und kannten Farbige nur aus Bildern von Afrika oder Amerika! Und dann hatten wir noch die dauernde Propaganda von Göbbels im Ohr, der uns eingetrichtert hatte, dass w i r die Herrenrasse sind und Farbige weit unter uns stünden. Und jetzt waren die Farbigen plötzlich die Sieger!

Die Soldaten hatten von De Gaulle die Zusage bekommen, einen Tag lang plündern zu dürfen! Sie fielen über die Hühner- und Hasenställe her und schlachteten und brieten was ihnen in die Hände kam - alles auf offenen Feuerstellen im Freien.

Das Schrecklichste aber waren ihre Überfälle auf Mädchen und Frauen. Zusammen mit Nachbarsmädchen und meinem Bäsle richteten wir uns ein Teppichlager ganz oben auf dem Dachboden ein. Dorthin konnte man nur mit einer kleinen Leiter gelangen, die wir aber hochgezogen haben. Es war ganz schrecklich.

Zum Glück zogen die Marokkaner am nächsten Tag weiter. Die Kompanie, die später kam, wurde in Breitenstein einquartiert. Von dort kamen die Soldaten im Gänsemarsch über die Wiesen im Eschelbachtal herauf. Dann riefen die Leute vom Brockenberg her den Leuten im Ort zu "Die Marokkaner kommen!" - und wir waren gewarnt. Diese Soldaten waren aber nicht mehr so gefährlich, wie der erste Trupp. Sie wollten mit uns "handeln" und ihre Frage war dann immer: "Du nix Stoffen (Stoffe) - ich haben Suggar!" Sie wollten Stoffe für ihre weißen Turbane.

Gleich von Beginn der ersten Truppenvorhut war eine allgemeine Ausgangssperre verhängt worden und zwar von abends 8 Uhr bis morgens 6 Uhr. In dieser Zeit wurde der Ort laufend kontrolliert. Trotzdem haben einige beherzte Bürger in der Nacht zum 1. Mai einen wunderschönen Maibaum am Taubenbrunnen aufgestellt. Es gab wohl keinen Holzgerlinger, der sich nicht riesig darüber gefreut hätte!

In den nächsten Tagen gab es viele Aufregungen. Man musste viele Dinge abliefern: Bettzeug, Teppiche, Kleider und Anzüge. Von jeder Familie wurde mindestens ein Anzug verlangt. Ich erinnere mich noch gut, wie schwer es meiner Mutter fiel, den einzigen Anzug meines gefallenen Bruders abzugeben.

Und dann kam dieser 3. Mai mit der Landung eines deutschen Flugzeugs auf den "Weihdorfer Wiesen" das den sinnlosen Rathausbrand zur Folge hatte. 

Im Juli 1945 kam Holzgerlingen zur amerikanischen Besatzungszone. Die Zonengrenze verlief am Schaichhof und man konnte ohne Passierschein nur auf Schleichwegen durch den Schönbuch nach Tübingen kommen, immer mit der Angst im Nacken, von den Franzosen entdeckt zu werden.

Es war eine schwere Zeit für uns, vor allem für uns junge Menschen. Ein schlimmer Abschluss einer Jugend, die voller Ideale begonnen hatte und von dem Willen, eine bessere Welt aufzubauen. Wir fühlten und verraten und betrogen von unseren "Führern", die sich nun als erbärmliche Verführer und Feiglinge entpuppten.

Wir können nur hoffen, dass es nie mehr solche Verführungen eines Volkes geben wird und keine Kriege und Grausamkeiten, wie wir sie erlebt haben."

Emmi Schmid

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Autor:
Helga Zaiser
Mörikestraße 26
71088 Holzgerlingen
Telefon 07031/609349
E-Mail: email[at]omahelga.de


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