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Mit Fiedlesplotzer ond Fassdauba im Schnee

Holzgerlinger Geschichten

Früher war halt alles ganz anders - das kann man auch über das Winterwetter sagen!

Schnee gab es in jedem Jahr mehr als genug und die Kinder konnten sich am Schlittenfahren erfreuen. Der Vorgänger der jetzigen Schlitten war der sogenannte "Fiedlesplotzer", ein meist in Eigenbau erstellter quadratischer Holzsitz mit kufenartigen Seitenteilen. Man konnte vor allem gut "Bauch fahren" damit und mit einem kleinen Rückenteil und zwei Seitenstützen eignete er sich auch als sicherer Kleinkinderschlitten. Da es früher kaum Autoverkehr gab, konnte man ohne weiteres mitten im Ort Schlittenfahren. Die beste Strecke war von der oberen Bahnhofstraße (bei Friseur Hummel) über die Straßenkreuzung beim "Ochsen" die Klemmert hinunter in den Brühl zum "Gruber". Meist waren die Schlitten dicht besetzt mit Buben und Mädchen und wenn man Glück hatte, saß ganz vorne ein Schlittschuhfahrer, der die Steuerung besorgte. Abends traf sich dann die ganze Dorfjugend zum Nacht-Schlittenfahren und es war dann immer ein besonderes Erlebnis, wenn ein vollbesetzter Schlitten umkippte! Natürlich blieben auch Unfälle dabei nicht aus!

Skifahren kam auf dem Dorf erst nach Ende des II. Weltkriegs in Mode. Zuvor hatten einige Mutige sich aus Fassdauben (Fassbretter) in Eigenbauweise einen Ski-Ersatz gebaut, der sich aber dann als sehr sturzgefährlich erwiesen hat. Man bewunderte den damaligen Streckenwärter Ludwig Maurer, der mit richtigen Ski seine Runden im Schönbuchwald drehte, wenn er im Tiefschnee seine Kontrollgänge zum Wasser- Reservoir unternehmen musste. Fast schon ein Exot!

Zur Räumung der oft tief verschneiten Straßen hat dann bei Neuschnee der Rappenbauer seine Pferde vor den sog. "Bahnschlitten" gespannt, eine riesige Pflugkonstruktion aus Holz - fast so breit wie die ganze Straße. Zur Beschwerung durfte die Dorfjugend auf dem Schneepflug mitfahren, das machte großen Spaß. Bergauf allerdings hieß es absteigen, sonst schafften die Pferde die große Last nicht.

Der See rund um die Burg Kalteneck, damals wie heute "Schlosssee" genannt, war alljährlich fast gänzlich zugefroren und bot eine ideale Möglichkeit zum Schlittschuhlaufen. Da am Wasserzufluss eine kleine Stelle eisfrei blieb, fielen immer wieder wagemutige Buben in den eiskalten See. Rettung war aber meist in Sichtweite!

Besonders beliebt bei den Kindern waren die damals noch offen abgeleiteten Abwässer aus Küche und Bad, die über die Kandel auf die Straße flossen. Bei Frost bildete sich sofort eine "Schleifez", auf der man wie auf einer Eisbahn die Straße hinunterschlittern konnte. Leider hielt die Freude an diesem Spaß nicht lange - die Anlieger streuten schnell Sand oder Asche auf die gefährlichen Rutschflächen.

Und weil in den meisten Häusern im Winter nur wenige Räume geheizt wurden - Zentralheizungen gab es damals noch nicht - bildeten sich an den Fensterscheiben bizarre Eisblumen. In den Mansardenzimmern waren auch die Decken und Wände oft mit einer Eisschicht überzogen - eine warme Bettdecke mit der obligatorischen "Bettflesch" waren dabei wichtige Utensilien.

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Autor:
Helga Zaiser
Mörikestraße 26
71088 Holzgerlingen
Telefon 07031/609349
E-Mail: email[at]omahelga.de


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