Holzgerlingen Online - Eule und Rabe © Bärbel Lohberg

Holzgerlingen - vor 70 Jahren ein Einkaufsparadies

Holzgerlinger Geschichten

Es ist kaum zu glauben, dass es 1939 - also vor dem zweiten Weltkrieg - im 2630 Einwohner zählenden Dorf Holzgerlingen alles zu kaufen gab, was man zum Leben brauchte.

Nur für Arznei musste man sich auf den Weg in die Apotheke nach Böblingen machen. Mehr als 40 Geschäfte boten fast alles für den täglichen Bedarf an, es gab allein sechs Metzgereien, sechs Bäckereien, zahlreiche Gemischtwarenläden, fünf Schuhmacher- und ebenso viele Herrenschneider-Werkstätten! Und alles in der Dorfmitte schön beieinander und gut zu Fuß zu erreichen, wie auch die neun gemütlichen Wirtshäuser.

Hauptgeschäftsstraßen waren die Böblinger- und die Tübinger Straße, aber es gab aber auch einige Geschäfte in den Nebenstraßen.

In der oberen Böblinger Straße ("Obergass") gab es - außer dem kleinen Krämerladen Hummel - die Sattlerei Otto Maurer, zu der ein gut sortiertes Geschäft für Heimtextilien, Stoffe, Wäsche usw., gehörte. Und genau gegenüber stand schon damals das Gasthaus "Waldhorn", aber noch mit eigener Metzgerei.

Vor der Abzweigung zur Eberhardstraße (heute Elektro-Breitling) gab es die Flaschnerei Maurer, der ein Kaufladen mit Haushaltwaren-Abteilung angeschlossen war. Dort rechnete die Besitzerin die Summe der gekauften Waren noch mit der Kreide auf dem Ladentisch aus! Direkt gegenüber stand das Schuhhaus Korn mit Reparaturbetrieb, gleich daneben das frühere Gasthaus "Löwen" und in direkter Nachbarschaft - wie heute noch - die Bäckerei Laib, mit dem ersten Holzgerlinger Cafe. Allerdings traute man sich damals noch nicht so richtig, am "hellen Werktag" ins Cafe zu sitzen - das war eher ein Sonntagsvergnügen!

An der Ecke zur Friedhofstraße gab es den beliebten Krämerladen vom "Kappamacher", bei dem man alles kaufen konnte, vom Petroleum bis zum Pfeifentabak. Sein Sohn Eugen hatte eine mechanische Werkstätte für Fahrräder und Motorräder und die Schwiegertochter Käthe einen kleinen Textilladen, der erst im April 2006 geschlossen wurde. Auf der anderen Straßenseite führte das schmale Kirchgässle zum Pfarrhaus, wo auf der linken Seite der Herrenfriseur Gustav Hummel seinen Salon betrieb und außerdem vor seinem Haus an einer Zapfsäule Benzin verkaufte.

Auf dem Platz der heutigen Volksbank stand das Gasthaus "Adler" mit Metzgerei, daneben konnte man beim Küfer Neuffer Essig oder Wein aus Fässern kaufen - Flaschen brachte man natürlich mit. Gleich daneben duftete es schon frühmorgens nach frischgebackenem Brot beim "Rathausbäck", der seine Backwaren im Hausflur oder auch im Wohnzimmer verkaufte.

Zwei imposante dreistöckige Häuser prägten den Ortsmittelpunkt zusammen mit Rathaus, Brunnen, Kirche und Kriegerdenkmal. Es waren die Gebäude der Familien Hiller und Wacker. Im Haus Hiller gab es im Erdgeschoß ein Kaufhaus, das später an die Böblinger Filialkette Klett überging und gleich daneben im Haus Wacker befand sich die Konkurrenz, nämlich der Konsum. Hier musste man aber Mitglied sein, um einkaufen zu können. Auch vor diesem Haus stand eine Zapfsäule für Benzin, sie gehörte zu dem Taxibetrieb Frasch. Außerdem stand neben dem "Lamm" noch eine Shell-Tankstelle, betrieben von der Familie Maurer (heute das Autohaus Maurer an der B 464).

An der Ecke Tübinger Straße/Klemmert gehörte auch der Gasthof "Ochsen" zur Dorfmitte (ebenfalls mit Metzgerei), ein Treffpunkt für Fuhrleute und Handwerker. Auf der gegenüber liegenden Seite stand die öffentliche Bodenwaage mit Waaghäusle und gleich dahinter in einem schönen Backsteinhaus die Bäckerei Maurer, der "Bronnabäck". Daneben soll es früher ein Kaufhaus Hiller gegeben haben, später zog dort die erste Holzgerlinger Apotheke von Karl Weißmann ein. Beim Hafner-Dieterle in dem großen Fachwerkhaus - damals noch nicht renoviert - betrieb die Familie Dieterle ein Haushaltwarengeschäft.

Im Hinterhof hatte sich ein für das Bauerndorf Holzgerlingen ganz wichtiger Betrieb etabliert, die Molkerei. Dort lieferten die Bauern morgens und abends die Milch ihrer Kühe ab. Sie transportierten die schweren Kannen meist auf dem Leiterwägele oder schleppten sie mühsam selbst. Im gleichen Haus füllte die Molkerei-Anna viele Jahre lang "offene" Milch in die Milchkannen der Abholer - es war die einzige Milchverkaufsstelle im Dorf. Für Jung und Alt war dies ein wichtiger Treffpunkt um den neuesten Dorfklatsch zu erfahren.

Besonders gerne kaufte man beim "Staffla-Schneider" Renz ein, der Kurzwaren aller Art - vom Hosengummi bis zur Stecknadel - in seinem Laden verkaufte - immer mit einem witzigen Spruch auf den Lippen! Seinem Laden war eine Herrenschneiderei angeschlossen. Und da man damals noch nicht von der Stange kaufte, gab es in Holzgerlingen noch vier weitere Schneiderwerkstätten, nämlich den Schneider-Ernst auf dem "Bloo", den Schneider Hiller in der Gartenstraße, den Schneider-Wanner in der Pfarrgartenstraße und den "Hosenkönig" Maurer, der auf Berken eine kleine Bekleidungsfabrik gegründet hatte. Die Damenwelt kaufte ihre "Sonntagskleider" in Böblingen beim Krauss oder bei Hanke & Lebsanft. Die Werktagskleider nähte man meist selbst oder man bestellte die Näherin ins Haus. Die wichtigen Kittelschürzen erstand man am besten auf dem jährlichen Krämermarkt.

Ein wichtiger Dorftreffpunkt war aber auch der "Bloo" mit dem alten Taubenbrunnen. Dort befand sich seit 1920 die Poststelle mit der damals einzigen öffentlichen Telefonzelle (Privatleute hatten noch kein Telefon!) und mit einem angeschlossenen Lebensmittelladen der Familie Schwenzer. Gegenüber stand und steht heute noch das "Lamm" (früher mit eigener Brauerei) und daneben das dreistöckige Haus des "Bloobäck". Am Beginn der Schlosstrasse befand sich das Gasthaus "Pflug" mit Metzgerei. Viele Gebäude auf dem Bloo wurden beim Fliegerangriff im Oktober 1943 völlig zerstört - ein Bild der Verwüstung! Nach dem Krieg begann dann der Wiederaufbau. Im Haus neben dem "Pflug" konnte man sich beim Schuh-Auwärter die Schuhe besohlen lassen. Weitere Schuster gab es in der Tübinger Straße (Maurer), in der Hintergasse (Stäbler) und in der Pfarrgartenstraße (Frasch). Man ließ damals die Schuhe nicht nur einmal, sondern mehrmals frisch besohlen und reparieren!

Zum "Bloo" gehörte aber auch noch der Laden der Seilerei Klein, sowie der Notter-Bäck, der als einziger schon damals Speiseeis herstellen konnte. An der Ecke Altdorfer- Tübingerstraße beherbergte das schmucke Fachwerkhaus (heute Friseursalon) das Kaufhaus Albert Frasch, in dem es außer Lebensmittel auch Wäsche und andere Textilien zu kaufen gab. An der Ecke zum Stäuchle stand noch bis vor wenigen Jahren die Metzgerei Binder, in der das "Päule" bis ins hohe Alter hinter der Ladentheke stand. In der äußeren Tübinger Straße hatte sich - neben dem Gasthaus "Schönbuch" - noch das Lebensmittelgeschäft Asch etabliert, die Familie Asch führte nach dem Krieg einige Jahre lang ein großes Textilhaus in der Bahnhofstraße (heute Schleckermarkt).

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Autor:
Helga Zaiser
Mörikestraße 26
71088 Holzgerlingen
Telefon 07031/609349
E-Mail: email[at]omahelga.de


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