Holzgerlingen Online - Eule und Rabe © Bärbel Lohberg

Schüalestrappler - Suppatriealer

Holzgerlinger Geschichten

Es hat sich viel verändert auf dem Gebiet "Kinderbetreuung" im Laufe der letzten 150 Jahre in Holzgerlingen. Und es ist eine lange Geschichte vom ersten "Kenderschüale" zum heutigen Kinderhaus!

Die evangelische Kirchengemeinde bemühte sich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts um die Betreuung und Beaufsichtigung der Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren. Es war an Georgii (23. April) 1850 - so heißt es in alten Kirchenakten - als die Kleinkinderschule "ins Leben trat". Sie war untergebracht im Untergeschoss des (früheren) Rathauses und zwar gleich neben der Arrestzelle. Deren Insassen waren natürlich keine geeigneten Nachbarn für die dort ein- und ausgehenden Kinder!

Die Platzverhältnisse waren schlecht und man weiß, dass 1876 in einem einzigen bescheidenen Raum 80 Kinder betreut wurden. Es gab noch keine ausgebildete Betreuungsperson, vielmehr ein sog. "Bäsle", eine kinderliebe Frau mit pädagogischem Geschick, die das Vertrauen der Eltern genoss und bei den Kindern beliebt war.

Im Jahr 1902 wurde erstmals eine ausgebildete Kindergärtnerin eingestellt, es war die Großheppacher Diakonisse "Schwester Marie" (Maria Schmid). Sie blieb über 30 Jahre in Holzgerlingen. Es folgten die Schwestern Emilie (1933-1937), Schwester Anna (1938-1946), Schwester Dorothea (1946-1957), Schwester Margarete (1957- 1969) und zuletzt Schwester Hedwig, alle aus dem Großheppacher Mutterhaus.

Die Holzgerlinger Kirchenväter hatten sich um die Jahrhundertwende sehr bemüht, eine neue und schöne Unterkunft für das "Kinderschüle" zu finden und so konnte dann im Jahr 1910 der Kindergarten im neu erbauten Gemeindehaus an der Friedhofstraße Einzug halten. Im schönen, geräumigen Saal wurden 140 Kinder (3 bis 7jährig) unterrichtet - betreut von e i n e r einzigen Schwester (später kam noch eine Helferin hinzu). Eine ältere Holzgerlingerin meinte einmal " I be net gern ens Schüale ganga - d'Schwester Marie war so streng". Aber was blieb ihr anderes übrig bei so vielen Kindern..

Zur Ausrüstung eines "Schüaleskends" gehörte damals obligatorisch - egal ob Junge oder Mädchen - der schwäbische "Schüalesschurz". Das Vesper brachte man im umgehängten "Schüalestäschle" mit, das meist von der Mutter aus Stoffresten genäht war. Es war streng verboten, etwas Trinkbares mitzubringen, im Schüle gab es auch nichts zu trinken. Das Durchschnittsvesper war ein Butterbrot oder ein Apfel. Im Mittelpunkt des Tages stand das Singen, Beten und das Erzählen von biblischen Geschichten, aber man hat auch Fingerspiele und Singspiele gemacht. An besonderen Tagen wurde von der Schwester auch ein Bilderbuch vorgezeigt und ein Jahr vor der Einschulung durfte man auch Bastelarbeiten machen. Das Spielzeug bestand vor allem aus Holzklötzchen, die oftmals von den hiesigen Schreinereien zur Verfügung gestellt wurden. In der Geburtstags-Ecke gab es Puppen für die Mädchen und Wägen und Tiere für die Buben.

Der Vormittag wurde immer mit folgendem Lied beendet: "Elf hat es geschlagen, die Schule ist aus - jetzt gehen wir fröhlich und stille nach Haus. Zu Hause da wartet die Mutter auf mich und war ich gehorsam, so freuet sie sich."

Und auch der Text des Schlussgebets ist noch bekannt: "Jeden Schritt und jeden Tritt geh Du lieber Heiland mit. Gehe mit uns ein und aus, führe Du uns selbst nach Haus."

In den Sommermonaten freuten sich die Kinder über gemeinsame Spaziergänge in die nähere Umgebung. Dafür gab es ein dickes Seil mit beiderseitigen Holzgriffen, an denen man sich festhalten musste. So ging niemand verloren von der großen Schar.

Aus einem im Archiv des Heimatmuseums zufällig entdeckten Jahresbericht von Pfarrer Thust ist zu ersehen, dass das "Schülesgeld" im Jahr 1952 von 1 DM im Monat auf 2 DM erhöht wurde, für Geschwister kostete es 3 DM! Mit diesen Einnahmen (ca. 200 DM im Monat) und einem Jahreszuschuss der Gemeinde in Höhe von 1560 DM im Jahr wurden die Ausgaben für den Kindergarten finanziert. Das Mutterhaus in Großheppach bekam für die Kinderschwester monatlich 195 DM - die Miete für die Schwesternwohnung im Gemeindehaus betrug 100 DM im Jahr. Diese Zahlen erscheinen uns heute geradezu utopisch!

Besonders stolz war man damals, wenn man das "Schüle" verlassen durfte und als ABC-Schütze in die Schule kam. Und wenn man dann auf dem Schulheimweg die Kleineren aus dem "Schüle" kommen sah, dann rief man voller Stolz den Spottvers: "Schüalestrappler - Suppatriealer - nemmt da Löffel mit spaziera!" - was immer das auch heißen sollte.. Aber die Schüleskinder konterten mit dem Vers:" ABC-Schütz - goht en'd Schual ond kaa no nix!"

Im Jahr 1952 übernahm dann die bürgerliche Gemeinde einen Teil der Kinderbetreuung und eröffnete die erste Gemeindekindergartengruppe in einem Raum im Untergeschoss der Gemeindehalle. Es wurde keine Diakonisse eingestellt, sondern "Tante Lieselotte" eine freie Kindergärtnerin. Dieser Raum war auch bald wieder zu klein und 1962 konnte der neue großzügige Kindergarten im "Stäuchle" seiner Bestimmung übergeben werden.

Heute verfügt Holzgerlingen neben dem kirchlichen Kindergarten in der Friedhofstraße noch über 8 weitere Kindergärten mit insgesamt 475 Kindern. Das monatliche "Schülesgeld" beträgt jetzt 86 Euro für Kindergartenkinder aus Familien mit einem Kind. Die normale Gruppengröße beträgt ca. 25 Kinder. So ändern sich die Zeiten!

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Autor:
Helga Zaiser
Mörikestraße 26
71088 Holzgerlingen
Telefon 07031/609349
E-Mail: email[at]omahelga.de


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