Holzgerlingen Online - Eule und Rabe © Bärbel Lohberg

Als der Leichenwagen noch mit Pferdegespann zum Friedhof fuhr

Holzgerlinger Geschichten

Bis zum Jahr 1828 war auch in Holzgerlingen - wie in den meisten Gemeinden - der Platz um die Kirche herum der Friedhof.

Aber mit dem Anstieg der Einwohnerzahl wurde dieser Platz zu klein, außerdem sei - so ist im Heimatbuch zu lesen - der Boden für Bestattungen ungeeignet gewesen und die Gräber konnten nicht schnell genug wiederbelegt werden. So verlegte die Gemeinde im Jahr 1828 mit einem Aufwand von 1000 Gulden den Friedhof an den Ortsrand in das Zapfengässle (später Friedhofstraße). Inzwischen sind fast 180 Jahre vergangen und der alte Friedhof ist auch stillgelegt und in diesem Jahr zu einem kleinen Stadtpark umfunktionier worden.

Nach dem zweiten Weltkrieg war auch dieser Friedhof wieder zu klein und 1962 konnte dann der heutige Parkfriedhof am Waldrand im "Flötenhäule" seiner Bestimmung übergeben werden. Erstmals wurde dazu eine Aussegnungshalle mit den notwendigen Räumen für die Aufbahrung der Toten erstellt. Eine großzügige Erweiterung der Aussegnungshalle mit Erstellung eines Glockenturms fand dann bereits wieder im Jahr 1987statt, ebenso die Erweiterung der Gräberfelder.

Vor 1962 mussten die Verstorbenen daheim im Sterbezimmer bis zur Beerdigung aufgebahrt werden, was manchmal schon problematisch war. Am Todestag wurde - wie auch heute noch - um 12 Uhr die Totenglocke geläutet. Am Tag der "Leich'" ( wie man im Schwäbischen die Beerdigung auch heute noch nennt ) bewegte sich der Leichenzug unter dem Geläut der Kirchenglocken vom Trauerhaus aus durch den Ort zum Friedhof. Ein Pferdegespann zog den Leichenwagen, auf dem sich der Sarg mit Sargbukett befand. Der Kutscher war mit schwarzem Anzug und Zylinder ausgestattet. Vor dem Gespann hatte sich der Leichenchor aufgestellt, der meist aus Mitgliedern des Kirchenchors bestand. Hinter dem Leichenwagen folgte die "Klag'", d.h. die nächsten Angehörigen. Weitere Trauergäste warteten am Straßenrand und schlossen sich dem Trauerzug an.

Als es noch keinen Leichenwagen gab, wurde der Sarg von sechs Trägern auf den Schultern zum Friedhof getragen. Um den Männern eine Abstellpause zu gönnen, wurde der Leichenzug zwei bis dreimal unterwegs angehalten und der Chor sang einen Choral. Während dieser Pausen mussten die Glocken angehalten werden. Dafür gab es einen besonderen "Winkdienst", bei dem Schüler der Oberklassen ein Zeichen an die Läutebuben gaben. Diese Dienste wurden gerne gemacht, gab es doch damals einen "Lohn" von jeweils 10 Pfennigen.

An der Einmündung zur Friedhofstraße wartete dann der Ortspfarrer auf den Leichenzug. Auch dort sang der Chor noch einmal ein Lied. Die Predigt fand direkt am offenen Grab statt. - Zum anschließenden "Leichenschmaus" mit Kaffee und Hefekranz hat man auch früher schon Verwandte und Freunde eingeladen, er fand oft im Haus der Verstorbenen oder aber auch in einem Gasthaus statt. - Feuerbestattungen waren damals nicht üblich, auch Traueranzeigen waren eher selten. Todesnachrichten wurden zum Teil vom Büttel übermittelt. Außerdem war das Tragen von schwarzer Trauerkleidung für die nächsten Angehörigen durchaus ein Jahr lang üblich.

Das imposante Kriegerdenkmal vor der Mauritiuskirche - eine eindrucksvolle Gedenkstätte für die Toten des ersten Weltkriegs - wurde im Jahr 1922 auf Initiative des damaligen Dorfarztes Dr. Heinrich Harpprecht in der Dorfmitte errichtet, für die Gefallenen des zweiten Weltkriegs wurden Gedenktafeln mit den Namen der Soldaten an der südlichen Kirchenmauer angebracht.

Interessante Geschichten von früher kann man oft auch bei Gesprächen im Alten- oder Pflegeheim in Holzgerlingen hören. So auch die Geschichte von drei Holzgerlinger Frauen, die 1935 zur Beerdigung vom Sohn des Onkels mit dem Zug nach Weinheim fuhren. Sie hatten auf dem Postamt telefonisch vom Tod des Phillip erfahren und dabei wegen schlechter Verständigung "mei" und "dei"(also mein und dein Phillip) verwechselt. Man war überzeugt, dass der Neffe gestorben war.

In Weinheim angekommen wurden die drei ganz in schwarz gekleideten Frauen von den drei Schwestern des angeblich Verstorbenen fröhlich lachend empfangen und auch der "Verblichene" erschien alsbald höchst persönlich und quicklebendig!

Was war geschehen? Zwar war ein Phillip gestorben, aber ein ganz anderer, ein Jugendfreund, der früher mit der Mutter wohl ein kleines Techtelmechtel gehabt hatte!

Aber man fackelte nicht lange - jetzt bekam halt der Jugendfreund den Kranz und der Holzgerlinger Besuch wurde von der Trauergemeinde freundlich empfangen. Aber gewundert hat man sich schon, dass da extra eine Delegation aus dem entfernten Holzgerlingen angereist war...(erzählt von Johanna Maier, geb. Hahn).

Zum Schluss noch eine Anekdote über den früheren Totengräber, der als ziemlich schlagfertig bekannt war. Dr. Harpprecht ging eines Vormittags am Friedhof vorbei, wo der Totengräber gerade im Schweiße seines Angesichts ein Grab ausgehoben hat. Dr. Harpprecht wollte ein Späßle machen und rief: "Guten Morgen Herr Versenkungsrat!" Dieser war aber nicht auf s' Maul gefallen und antwortete prompt: "Grüß Gott, Herr Lieferant!" - So isch no au wieder!

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Autor:
Helga Zaiser
Mörikestraße 26
71088 Holzgerlingen
Telefon 07031/609349
E-Mail: email[at]omahelga.de


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