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Das Grettchen - von der Hofdame zum Gespött der Leute

Holzgerlinger Geschichten

"Schreibt doch in den Dorfgeschichten mal was über's Grettchen!" - dieser Wunsch wurde schon mehrfach geäußert.

Aber das war gar nicht so einfach, denn eine Befragung der älteren Holzgerlinger, die das Grettchen noch gekannt haben, begann fast immer mit dem Satz " I woiß halt, dass mr se g'ärgert hend!" - und mancher fügte gleich hinzu: "Heut dät i dees nemme!"

Und so war es halt noch in den Dreißiger- und Vierziger-Jahren, wer irgendwie nicht in das vertraute Dorfschema passte und etwas aus dem Rahmen fiel, der fand kein Verständnis und wurde zum Spott der Leute.

Und das Grettchen war nun mal eine Ausnahmeerscheinung.

Margarete Catarina Binder - später nur noch Grettchen genannt - wurde am 29. Juni 1866 in Holzgerlingen als dritte Tochter des Oberen Müllers Johann Konrad Binder geboren. Zu den beiden Schwestern (geb. 1863 und 1864) kamen noch vier Brüder hinzu (1868, 1870, 1872 und 1876).

Margarete ging nach Beendigung ihrer Schulzeit im Alter von 15 Jahren vermutlich gleich nach Stuttgart als Dienstmädchen in einen Haushalt. Das war damals in kinderreichen Familien üblich, eine andere Verdienstmöglichkeit gab es so gut wie nicht. Dort muss sie sich bewährt und hochgearbeitet haben, denn sie schaffte den Aufstieg zur Hofdame bei Herzog Albrecht in Stuttgart.

Bei Hofe legte sie auch ihren Holzgerlinger Dialekt ab und sprach von da an nur noch schriftdeutsch. Das hat man ihr dann später - als sie als Ruheständlerin wieder in ihre Heimat nach Holzgerlingen zurückkehrte - gleich übel genommen. Sie erstand ein winziges Häuschen direkt neben dem Schulhaus an der Böblinger Straße und lebte dort sehr zurückgezogen. Sie ließ grundsätzlich keine Besucher in ihr Häusle.

Im Dorf wunderte man sich, dass das kleine Grettchen oft im Dorf mit einem hochräderigen alten Korbkinderwagen zu sehen war, in dem sich ein Eimer befand, der vom Grettchen dann mit "Rossbolla" (Pferdeäpfel) beladen wurde. Sie düngte damit ihr kleines Gärtle vor dem Haus und ihr Grundstückle im Brühl. Die dort geernteten Beeren transportierte sie in ihrem "Wagen" nach Böblingen und verkaufte sie auf dem Wochenmarkt.

In vornehmes Schwarz gekleidet und oft mit Hütchen und Spitzentuch unterschied sie sich schon sehr von den übrigen Dorfbewohnen, die werktags Schürze und Kopftuch trugen. Vom Grettchen war bekannt, dass sie sog. "Silberpapier" (Staniol) sammelte, um Geld für die armen Negerkinder in Afrika zu bekommen. Sie freute sich über jede leere Zigarettenschachtel, die sie auf der Straße fand, darin war nämlich das begehrte Silberpapier!

Sie war sehr fromm und ging vorwiegend Sonntagnachmittags in die Kirche, wenn die Neukonfirmierten in die Christenlehre beordert wurden. Dort passte sie auf, ob die jungen Leute auch richtige Antworten geben konnten! Grettchen legte großen Wert auf Tugendhaftigkeit und sogar das Tanzen betrachtete sie als Sünde. Sie war bei der Jugend deshalb nicht gerade beliebt und man ärgerte sie, wenn es irgendwie ging. Auch die Schulkinder machten dabei mit und so wurde bekannt, dass ein paar Buben vom Schulabortfenster aus in hohem Bogen auf den Eingang vom Grettchenhaus gepinkelt haben! Auch banden die Lausbuben die z.B. Räder ihres Wagens zusammen oder legten sich heimlich hinein, um sie dann zu erschrecken. Solche Streiche verärgerten das Grettchen verständlicherweise sehr und sie wurde immer mürrischer und lies sich nicht gerne ansprechen.

In ihren letzten Lebensjahren sah man sie oft bei ihrem Schwager Gottlieb Ehle, der mit ihrer Schwester Rosi (gest.1930) verheiratet war und in der Hintergasse wohnte. "Dr Ehle", wie man ihn im Dorf nannte, stand ebenfalls früher in Diensten Herzog Albrechts, was eine große Bildergalerie in seinem Wohnzimmer bewies. Voller Stolz zeigte er seinen Besuchern seine weißen Servierhandschuhe und allerlei Erinnerungsstücke aus seiner Zeit als Diener.

Das Grettchen starb am 4. März 1948 im Alter von 82 Jahren in Holzgerlingen. Wer hätte damals gedacht, dass viel später einmal sogar ein Brunnen nach ihr benannt würde und dass sie beim Festzug zur 1000-Jahrfeier mit ihrem Korbwagen eine ganz besondere Attraktion war!

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Autor:
Helga Zaiser
Mörikestraße 26
71088 Holzgerlingen
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E-Mail: email[at]omahelga.de


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