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Hie gut Holzgerlingen alleweg!

Holzgerlinger Geschichten

Auszüge aus einem Pfarrbericht vom Juli 1933

Nach fast elfeinhalb Jahren gab es im Sommer 1933 in der damals fast ausschließlich evangelischen Gemeinde Holzgerlingens einen Wechsel im Pfarramt. Die älteren Holzgerlinger werden sich noch gut an den scheidenden Pfarrer Jakob Weimer erinnern. Sein Nachfolger wurde dann drei Monate später Pfarrer Karl Ulshöfer, der dann bis 1947 diese Stelle innehatte.

Im ev. Gemeindeblatt vom Juli 1933 verabschiedete sich Pfarrer Weimer mit einem großen Lob an die Holzgerlinger wie folgt: "Durch Erschließung des Herrn Kirchenpräsidenten vom 14. Juni 1933 ist mir die Pfarrei Bempflingen, Dekanat Urach, übertragen und der 19. Juli als Auszugstermin bestimmt worden. Vielen Gemeindegliedern ist diese Veränderung überraschend gekommen und manche haben mich im Gefühl vollberechtigter Heimatliebe, vielleicht auch aus verletztem Heimatstolz gefragt, warum ich gehe. "Hat's Ihnen bei uns nicht mehr gefallen?" - Aber darum kann es sich überhaupt nicht handeln!

Ein Wechsel im Pfarramt ist nach fast elfeinhalb Jahren in dieser bewegten, schnelllebigen, wechselvollen Zeit durchaus geboten und auch von der Behörde gewünscht. Dazu legt mir meine seit dem letzten Jahr erschütterte Gesundheit nach 20 Jahren der Arbeit in zwei Gemeinden mit jeweils über 2000 Einwohnern die Übernahme einer kleineren Pfarrei von selbst nahe. Das möge die liebe Gemeinde verstehen und möge von uns allen im Pfarrhaus den herzlichen Dank entgegennehmen für so viel Liebe und Freundlichkeit, Geduld und Nachsicht, die wir in all den Jahren immer wieder neu erfahren durften.

Unsere schöne Kirche mit dem Andenken an so manchen erhebenden Gottesdienst, unser liebes Pfarrhaus, in dem wir glücklich waren, in dem unsere beiden Jüngsten geboren wurden und alle fünf Pfarrkinder heranwuchsen, samt Pfarrgarten, das Gemeindehaus mit seinen Räumen fürs Kinderschüle und Vereine, den Friedhof mit so manchem stillen Schläfer, der unserem Herzen nahe stand, all die Straßen und Plätze des Dorfes, die Häuser, in denen man uns so gerne aufnahm, vor allem bei Kranken und Alten, aber vor allem die lieben Menschen, zumal die treuen Mitarbeiter und Freunde in Kirche und Vereinen, in bürgerlichen Gemeinde und Schule - das alles und sie alle werden wir nie vergessen!"

Im Anschluss an diesen Freundschaftsbeweis berichtete dann Pfarrer Weimer, wie jeden Monat einmal, im ev. Gemeindeblatt über die Ereignisse des Monats Juni 1933. Er schreibt u.a.: "Der Heuet ist heute, am Tag nach Peter und Paul, kaum begonnen, Heu noch ganz wenig geborgen, so wenig Sonne, so viel Regen hatten wir all die Zeit! Wir hoffen und beten aber, dass auch diese Arbeit gelingen wird und, was gewachsen ist, für Vieh und Menschen uns einheimsen lasse. Dafür hat in den Schreinerwerkstätten die Arbeit wieder angezogen - ein hoffnungsvolles Zeichen!

Auch die Bautätigkeit regt und mehrt sich. So geht auf "Bühlen" der Neubau von Ludwig Maurer, Streckenwärter seiner Vollendung entgegen. Jenseits des Bahnübergangs in Richtung Altdorf wird eben der Grund für das Haus von Fritz Eitelbuß gelegt und ebenso lässt Frau Anna Dehner, geb. Schmid, die des Nerven zerreibenden Großstadtlebens in Stuttgart satt geworden, die Stille der ländlichen Heimat sucht, westlich der Böblinger Straße, in der Nachbarschaft der Gebr. Binder, Schreinerei, ein eigenes Haus ausführen. Mögen recht viele und fromme Menschen bald in diesen Neuhäusern aus- und eingehen dürfen!"

Auch über einen Wechsel am "Kinderschüle" berichtet Pfarrer Weimer ausführlich in seinem Monatsbericht :"Infolge immer neuer Erkrankung, der auch der zäheste Wille und die eiserne Widerstandskraft zuletzt weichen müssen, hat unsere liebe Kinderschwester Marie Schmid sich, wenn auch schweren Herzens, entschließen müssen, ihre Arbeit in Holzgerlingen aufzugeben. 31 Jahre lang hat sie ihren Dienst an der Kinderschule versehen, mit großem Geschick und seltener Treue, ihre Kinder alle kennend und liebend und von ihnen wieder, trotz ihrer Strenge und der musterhaften Ordnung, die sie selbst hielt und forderte, wieder geliebt. Es ist mir eine wehmütige Pflicht, ihr auch hier im Namen der Gemeinde und Eltern, den herzlichsten Dank und die besten Wünsche für einen schönen, friedlichen Feierabend auszusprechen. Die Stelle soll bald durch eine weitere Schwester aus dem Mutterhaus in Großheppach besetzt werden. (Anm.: es folgte Schwester Emilie).

Auch in der Schule gab es im Juli 1933 Veränderungen. Lehrer Ernst Reichert, der sich in Schule und Gemeinde bereits großer Beliebtheit erfreute, wurde zum ständigen Lehrer an der Holzgerlinger Schule ernannt und neuer Schulvorstand wurde Lehrer Eugen Stauß aus Rosenfeld. Wir kommen und wir gehen in diesem Erdental.."

Nachdem der Ortspfarrer noch ausführlich über Krankenbesuche, Taufen, Eheschließungen, Opfer- und Spendengelder berichtet hatte, schloss er seinen letzten Monatsbeitrag mit folgenden Worten: "Möge unsere Gemeinde Holzgerlingen auch ferner - bei allem Wechsel der Zeiten und der Verhältnisse - bleiben an diesen beiden Stücken: an der Liebe zum Wort und Haus Gottes und an der opferwilligen Barmherzigkeit zu den Brüdern. Dann wird in alle Zukunft gelten das Wort, mit dem ich meinen ersten Gemeindeblatt-Bericht vom März 1922 schloss: Hie gut Holzgerlingen alleweg!"

Ergänzung: Pfarrer Jakob Weimer, geb. 1885 in Aburi (Ghana) als Sohn eines Missionars, kehrte 1891 mit seinen Eltern nach Deutschland zurück und besuchte in Bondorf die Volksschule, später die Lateinschulen in Herrenberg und Kirchheim/Teck, anschließend die Seminare in Maulbronn und Blaubeuren. Er studierte Theologie in Tübingen, und war dann Vikar in verschiedenen Gemeinden. 1913 heiratete er Martha Riethmüller aus Cannstatt, aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor.

Neun Jahre war Jakob Weimer Pfarrer in Winterlingen und anschließend von 1922 bis 1933 Pfarrer in Holzgerlingen. In Bempflingen, seiner nächsten Pfarrstelle, machte er aus seiner Anti-Hitler-Haltung keinen Hehl und ärgerte die Nazis in einer Predigt am 16. November 1938 (Bußtagspredigt) so sehr, dass er nach einer Denunziation durch der Ortsgruppenleiter am 12. Dezember 1938 von der Gestapo verhaftet wurde. Vier Tage später erfolgte seine Freilassung unter der Bedingung, dass er seine Tätigkeit als Pfarrer in Bempflingen nicht wieder aufnimmt!

Nach einer Stellvertreterstelle in Obersontheim wurde er von 1940 bis 1951 Pfarrer in Beutelsbach und Großheppach. 1951 trat er in den Ruhestand und zog nach Plochingen. Pfarrer Weimer starb 1964 in Plieningen an den Folgen eines Unfalls.

Zu Ehren von Pfarrer Weimer erhielt das ev. Gemeindehaus in Bempflingen den Namen Jakob-Weimer-Haus.

(Wir danken Werner Lippke für diese Nachforschungen)

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