Holzgerlingen Online - Eule und Rabe © Bärbel Lohberg

Der Pfarrer und der "Feld-, Wald- und Wiesendoktor"

Holzgerlinger Geschichten

Seit mehr als 130 Jahren ist der Name "Harpprecht" mit Holzgerlingen eng verbunden.

Zwei Träger dieses Namens stehen in der Liste der Holzgerlinger Ehrenbürger ganz vorne, einmal Pfarrer Karl Harpprecht (1838-1914) und einer seiner Söhne, der Landarzt Dr. Heinrich Harpprecht (1878-1966). Beide haben sich auf besondere Weise um unsere Gemeinde verdient gemacht. Eine ausführliche Würdigung ihrer Verdienste ist an dieser Stelle aus Platzgründen nicht möglich, sie kann aber im Holzgerlinger Heimatbuch nachgelesen werden.

Dreißig Jahre lang (von 1878 bis 1908) hat Pfarrer Karl Harpprecht als Seelsorger in Holzgerlingen viel bewegt, er war als ein sehr strenger, konservativer, aber gerechter und auch mildtätiger Ortspfarrer bekannt. Schon 1896 gründete er hier den ersten Jünglings- und Männerverein. Als großer Lutherverehrer pflanzte er im Pfarrgarten die Luthereiche und auch das große Lutherbild in der Mauritiuskirche geht auf seinen Initiative zurück. Seine Großfamilie umfasst zehn Kinder, fünf Buben und fünf Mädchen.

Einer dieser Buben war Heinrich Harpprecht (1878 - 1966) der bereits 1904 gleich nach dem Studium als junger Mediziner in seine Heimatgemeinde zurückkehrt und dort die erste Landarztpraxis im Kreis Böblingen eröffnete. Er übte seinen Beruf mit großer Freude und sehr engagiert aus. Es war bekannt, dass er alle Patienten gleich behandelte, ob sie ihre Rechnung bezahlen konnten oder nicht! 1954 wurde er für seine 50jährige Tätigkeit als Arzt in Holzgerlingen mit einem großen Fest und mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde geehrt. Auch sein Sohn Heinrich jr. Wurde Arzt und war viele Jahre in Holzgerlingen tätig.

Dr. Harpprecht sen. schrieb viele wichtige Ereignisse seines Lebens - auch in Form von Interviews - auf. Und obwohl seine Freizeit knapp war, verfasste er so manches launige Gedicht. Hier eine originelle Kostprobe aus dem Jahr 1932 in schwäbischer Mundart.

Dr Feld-, Wald- ond Wiesadoktor

Am Fünfe goht dr Bauer raus,
halb sechse stoht scho leer sei Haus.
Am Doktor führt sei Weg vorbei,
drom bsorgt er au sein Auftrag glei.
Er schellt barbarisch an dr Glock´
´s ganz Haus kriagt schier en Nerva-Schock!
"Zur Ahne soll di Dockter komma,
se leit em ondra Stüble donna,
´s täts aber no em Lauf vom Dag,
er soll halt komma, wenn er mag."

Jetzt isch mer g´weckt - dees woiß mer gewieß
wenn mer oin no au schlofa ließ!
Do kommt a Zah´- der muaß glei raus -
er hält´s amol net länger aus!
Mach´s Maul g´schwend auf - I lang dr nei,
ond häb bloß koi so saudomms G´schrei!
Komm her, mein büable, schrei hurrah -
no fällt dr Zah´en Küble naa!

Jetzt kommt a Bot´ - "Ihr sollet glei´
nahkomma zo dr Annemrei,
se häb´s Rheumatisch alleweil
ond sei schwer krank en alle Teil.
Zom Nochbar soll er au glei nei,
deam tut dr graoße Zaih´so waih´;
ond d´Gretabas häb´s arg em Leib,
dass d´Bettlad omananderkeit!"

Scho Sprechzeit ischs - sapperlott!
Mei Essa aber goht bankrott!
Do sitzt a Haufa Frauazemmer
ond nachmol recht vergnüagte Männer -
se wartet bis dr Doktor kommt,
dr oi der lacht, dr andre brommt.
Do ka oims´s Essa voll vrgaoh´
no mueß mer´s eba bleiba lao!

Am Ersta soll mer´Aora butza,
am andra ka mer sonscht wo nutza.
Der brengt en Spreißa - der a Ois
ond deam isch´s donnderschlächtig hoiß!
Der spuckt bereits mei Bude voll
ond seller führt se auf wia doll!
Am Letschta hang a Fenger weg -
natürlich ischt er voller Dreck!

Etzt kommet ao no andre Sacha:
mer soll an Haufa Zeugnis macha.
Goht oiner a Versicherong ei,
no will er kerngesond no sei.
Siehts aber noch ´ra Rente aus,
no isch mit G´sondheit scho maus aus.
Koi guater Fetz´am ganza Leib -
jetzt Doktor, setz de na ond schreib!

Do ischßs oft schwer, wenn d´Leut so lüaget
ond dass Wohret ganz ond gar vrbieget.
So send ´s halt honderterlei G´schichta
dia soll mer enanander richta.

A ganz kleißs Schläfle ond Kaffee -
des braucht mer, sonscht send d´Nerva he!
Jetzt ´s Auto raus, es wurd au doa?!
Oft muaß i flicka, ganz alloa.
Heut lauft er aber wia dr Deifel,
do komm e bald - häb bloß koin Zweifel!

En Hausa send au kranke Leut,
dr oi ischt z´domma, dr ander z´gscheit!
Dr Hansjörg ka´s heut et verschnaufa,
do muaß mer oftmols renna, laufe!
Do bricht s Seuch´aus - älles hustet -
da Freider hots noch Rädisch g´lustet.
Er hebt da Bauch - schreit zetermäßig
ond isch em G´sicht ganz bleich und käsig.

Do bricht a Arm ond do a Fueß -
manchmol kracht ooverhofft a Schuß!
Dr Ähne tät am Sterba liega
ond Kathre well a Kendle kriega.
Jetzt fällt a Milch om ond vrbrennt
dem arma Jakob sei kleines Kend.
Dia Auto send zom Fahra herrlich,
für d´Menscha aber lebensgefährlich!

Es kommet suscht no viele Sacha,
isch´s net zom Heula, isch´s zom Lacha.
En d´Sprechstonda mueß e - komme net -
laufet mr dr ganze Haufa weg.
Au essa sott mer - ond des viel -
heut´geiht´s verstohsch - a Wurscht am Stiel.
Ja no, dia Kranke müeßt voll weg,
no goht´s - beim Donnder - glei´ens Bett!

Sait do mei Weib: hoscht au uffgschrieba??
Kotz Blitz! Des ischt mer liegablieba!
Koi Wonder hot mer nie koi Geld,
des isch jo´s Ärgscht uf dera Welt!
Jetzt schö´guat Nacht - no morga wieder
i sorg me bloß no om da Frieder!

"O lamme gau - i muaß verrecka!
Do mueß mer glei da Doktor wecka!"
A halbe Stond send Auga zua,
scho muaß mer raus zu dem Lausbua!
Der könnt au morga Rädich essa,
uf´s Ufstau ben e net vrsessa.
Do kast nix macha - mueßt halt fort -
verzierna könnt ein so a Sort´!
Etzt hot er Luft - etzt wurd´s em besser -
er braucht koi Wurmkur ond koi Messer.

Ond i gang houm ens Bett ond säg -
so ischt dr Lauf von meine Däg!

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Autor:
Helga Zaiser
Mörikestraße 26
71088 Holzgerlingen
Telefon 07031/609349
E-Mail: email[at]omahelga.de


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