Holzgerlingen Online - Eule und Rabe © Bärbel Lohberg

Das Rathaus stand in Flammen

Holzgerlinger Geschichten

Auch schlimme Ereignisse sollen in den "Dorfgeschichten" nicht verschwiegen werden - wenn sie auch schon mehrere Jahrzehnte zurückliegen.

Die älteren Holzgerlingen können sich noch gut an das alte Rathaus erinnern, das unterhalb der Kirchmauer neben dem Kriegerdenkmal stand. Erbaut im Jahr 1833/34 wurde es am 3. Mai 1945 ein Raub der Flammen.

Die Holzgerlinger hatten bereits am 20. April 1945 den Einmarsch der Franzosen mit Angst und Schrecken hinter sich gebracht und versuchten nun mit der neuen Besatzungsmacht zu Recht zu kommen. Natürlich waren alle Anweisungen der Militärregierung streng zu befolgen, so z.B. auch die Ablieferung aller Radio- und Foto-Apparate, die ins Rathaus gebracht werden mussten.

Der damalige Schulleiter Friedrich Binder (geb. 1894, gest.1983) schrieb über den Rathausbrand einen bewegenden Bericht. Hier die etwas gekürzte Form:

"Ein schmerzlich denkwürdiger Tag bleibt für die Geschichte Holzgerlingens der 3. Mai 1945. Ein deutsches Flugzeug war wenige Tage zuvor auf den "Weihdorfer Wiesen" notgelandet - die Besatzung hatte sich gleich aus dem Staub gemacht. Als die Franzosen von der Landung des Flugzeugs erfuhren, verlangten sie von dem damaligen kommissarischen Bürgermeister, Sattlermeister Gottlob Frasch, die sofortige Auslieferung der Flugzeugbesatzung. Dieser wusste aber bisher noch nichts von der Notlandung und auch nichts über die Besatzung. Der französische Offizier glaubte dem Bürgermeister nicht und gab den Befehl, die Flugzeugbesatzung bis abends 18 Uhr auszuliefern, andernfalls werde er folgende Repressalien anordnen: vier Männer der Gemeinde müssten ihm als Geiseln ausgeliefert werden, vier der schönsten Häuser der Gemeinde würden in Flammen aufgehen und die Bevölkerung müsste bis zum Abend eine Buße von 100 000 Reichsmark aufbringen.

Ein Schock ging durch die ganze Gemeinde! Punkt 18 Uhr sah man bereits Rauch aus dem Rathaus aufsteigen und schon nach kurzer Zeit brannte das Gebäude lichterloh. 1943 wie durch ein Wunder beim Fliegerangriff auf Holzgerlingen von den Brandbomben verschont, musste nun das schmucke Rathaus auch noch dem Krieg zum Opfer fallen! Dem Rathauspersonal war es strengstens untersagt, irgendwelche Akten oder Dokumente aus dem Rathaus in Sicherheit zu bringen. Die Mitarbeiter verließen das Rathaus durch den Hintereingang, als unten schon Feuer gelegt war. Nur zwei Schreibmaschinen konnten gerettet werden. Auch die von der Bevölkerung abgelieferten Radio- und Fotoapparate verbrannten. Von einer beherzten Rathausangestellten konnte wenigstens noch die Lebensmittel-Kartei gerettet werden. Diese bildete später die einzige Grundlage für die Erstellung einer neuen Einwohnerkartei. Das Rathaus brannte in wenigen Stunden bis auf die Grundmauern nieder. Die Feuerwehr durfte nicht eingreifen.

Während das Rathaus noch brannte, eilten Holzgerlinger Frauen und Männer von Haus zu Haus, um bei der verängstigten Bevölkerung für das Bußgeld zu sammeln - hing doch das Leben der Geiseln davon ab ob der geforderte Betrag zusammengebracht werden konnte.

Dank der Spendenbereitschaft aller Bürger und Firmen gelang es, das Bußgeld zu zahlen und die Geiseln damit zu retten.

Das Rathaus brannte noch die ganze Nacht und wie ein Wunder blieben die umliegenden Gebäude und die Kirche unversehrt. Aber die großen Kastanienbäume auf dem Kirchplatz waren durch die Hitze stark beschädigt. In der Dorfmitte bot sich eine Stätte des Grauens.

Die Wiederaufnahme der Arbeit der Gemeindeverwaltung fand dann im alten Schulhaus bei der Kirche bereits am nächsten Tag statt. Einziges Inventar: Tisch, Stühle, Bleistifte, zwei Schreibmaschinen, einige leere Bögen Papier und die wertvolle gerettete Kartei.

Der damalige Mesner Eugen Strobel fand unter dem qualmenden Schutt das unversehrte Rathausglöcklein und hängte es im Glockenstuhl der Mauritiuskirche auf. Von da an läutete es - zusammen mit der verbliebenen kleinen Glocke - jeden Sonntag den Gottesdienst ein. Die beiden großen Glocken waren bereits am 19. Januar 1942 abgenommen und für die Waffenproduktion eingeschmolzen worden.

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Autor:
Helga Zaiser
Mörikestraße 26
71088 Holzgerlingen
Telefon 07031/609349
E-Mail: email[at]omahelga.de


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