Holzgerlingen Online - Eule und Rabe © Bärbel Lohberg

Als man im Krämerladen noch ein Schwätzle machen konnte

Holzgerlinger Geschichten

Nachdem wir in Teil 1 unseres Berichts bereits über die Holzgerlinger "Flaniermeile" spaziert sind, sollen heute die übrigen Geschäfte zu Wort kommen.

Ein Ladenschild mit der heutzutage merkwürdig klingenden Aufschrift "Kolonialwaren - Drogen" bedeutete früher nichts anderes, als dass man hier auch Drogerie-Artikel kaufen konnte. So ein Schild prangte an dem Ladengeschäft von Wilhelm Maurer, Ecke Turm- und Bahnhofstraße. Hier gab es alles, von Nivea-Creme und Hühneraugenpflaster bis zum Melkfett, Salmiak-Geist oder essigsaure Tonerde. Aber auch sämtliche Lebensmittel gingen dort über die Ladentheke und in der kalten Jahreszeit sogar frischer Fisch.

Im "Seltenbach", direkt am Anstieg zur Bahnhofstraße (hier soll es in grauer Vorzeit einen Bach gegeben haben), war das Geschäftshaus von Friseur Gottlob Hummel. Hier gab es außer einem Herren- auch einen Damenfriseur, einen Lebensmittel- Laden und Abteilungen für Hüte, Mützen, Schirme und Spielzeug.

Gegenüber vom Bürogebäude der Bandweberei Binder hatte Gotthilf Schmid einen modernen Metzgerladen eingerichtet. Direkt daneben stand der "Schuppen" der Spar- und Darlehenskasse, bei dem die Bauern ihre Produkte abliefern und Saatgut reinigen oder einkaufen konnten. Für alle Gartenliebhaber gab es alles für den Garten, vom Torfmull bis zum Düngemittel. Eine Einrichtung, die man heute in der Stadt Holzgerlingen sehr vermisst!

Gegenüber vom Bahnhof konnte man natürlich beim Bahnhofwirt Christian Schmid einkehren. Dort gab es auch einige Fremdenzimmer und einen für Zugfahrer aus Altdorf und Hildrizhausen sehr wichtigen überdachten Einstellplatz für Fahrräder. An einen Bustransfer war seinerzeit noch nicht zu denken!

An der Ecke Altdorfer- Gartenstraße stand und steht heute noch das Gebäude der Bäckerei Binder damals noch mit Gasthaus "Krone", einem gemütlichen Ladenstüble, einer Gastwirtschaft und einem Cafe (mit Klavier) im ersten Stock und - beheizt vom Backofen her - ein öffentliches Wannenbad. - In der "Altdorfer Gass'" hatte schon 1933 die Gärtnerei Schmid ihre Gärtnerei eröffnet, außerdem konnte man sich noch in der Friedhofgärtnerei Stäbler mit Blumen und Gemüse versorgen. Die beiden Großgärtnereien Wacker verkauften ihre selbst angebauten Blumen, Salate und Gemüse in den Gewächshäusern und in den Scheunen.

Auch das für Holzgerlingen und Umgebung so wichtige "Doktorhaus" des beliebten Dorfarztes Dr. Harpprecht befand sich in der Altdorfer Straße und wenige Jahre vor Kriegsbeginn hatte auch der erste Zahnarzt Dr. Doll im Nebenhaus eine Praxis eröffnet.

Ein Vorläufer der heutigen Baumärkte war das Eisenwarengeschäft Schweizer in der Gartenstraße. Hier konnten Handwerker, Landwirte und Heimwerker aus Holzgerlingen und Umgebung bei fachmännischer Beratung einkaufen. Nägel und Schrauben gab es damals noch "offen", d.h. sie wurden einzeln abgezählt oder gewogen! Und der Maschendraht wurde einfach auf der Straße abgemessen - die Kuhfuhrwerke mussten eben mal kurz warten!

Eine Besonderheit in Holzgerlingen war auch die Seifensiederei im Ziegelhof, wo man sich mit allen Arten von Seifen und Putzmitteln eindecken konnte. Und in der Turmstraße gab es schon einen kleinen Laden für Schreibwaren, der zu der damaligen Brandmalerei Binder gehörte.

In allen Geschäften ging es eigentlich nicht nur ums Einkaufen, sondern auch um die Pflege der zwischenmenschlichen Beziehungen, um das "ein Schwätzle machen". Es gab keine Selbstbedienung, die "Ladnerin" stand hinter dem Ladentisch und war vor allem mit dem Abwiegen, Eintüten und Verpacken der Lebensmittel beschäftigt. Abgepackte Ware gab es nur selten. Die Kinder bekamen beim Einkaufen ein klebriges Himbeer-Bonbon in die Hand gedrückt, über das man sich sehr freute. Alles war eben gemütlicher.

Auch die Gaststätten hatten zu jener Zeit eine besonders wichtige Bedeutung, denn es gab für die Vereine gar keine andere Möglichkeit, als Versammlungen, Singstunden, Übungsabende usw. dort abzuhalten. Die Schule hatte nur einen einzigen Turnraum und so waren die Säle der Gaststätten "Waldhorn", "Adler", "Lamm" "Pflug", "Schönbuch" und "Bahnhof" sehr gefragt für die Proben und Übungsabende der Vereine. Dort fanden auch die Hochzeiten, Tanzkurse, Theater- Aufführungen und sonstige Feierlichkeiten statt. Im Schönbuchsaal entstand nach dem Krieg das erste und einzige Holzgerlinger Kino, damals der große Hit. Mit dem Einzug des Fernsehens in die Wohnzimmer lohnte sich dann das zuvor gerne besuchte Kino nicht mehr.

Liebe Leser, dieser Einblick in die Einkaufswelt vor 70 Jahren erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Es waren leider keinerlei Unterlagen für einen solchen Artikel zu finden, ich war auf meine eigenen Erinnerungen als Schulkind und Gespräche mit Alt-Holzgerlingern angewiesen. Ich bitte deshalb gleich im Voraus um Entschuldigung, wenn ich einige Geschäfte vergessen oder auch Fehler gemacht habe. Danke.

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Autor:
Helga Zaiser
Mörikestraße 26
71088 Holzgerlingen
Telefon 07031/609349
E-Mail: email[at]omahelga.de


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